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Die Achse des Bösen
Saturday, July 17, 2010
Utopisch scheitern
Friday, May 14, 2010
Frisch erschienen ist Heft 158 der Wiener Literaturzeitschrift Wespennest, mit einem Dossier zur “Archäologie des Unveröffentlichten”. Zu dem von Michael Hammerschmid koordinierten Heft habe ich einen kurzen Essay beigetragen (PDF), der sich um “utopisch gescheiterte” Zeitschriftenprojekte von Brecht, Benjamin und Blanchot dreht.
Nachtrag: Jetzt auch online bei Eurozine und auf Norwegisch bei Vagant (Bergen).
Erlösungszeichen ungelöst
Thursday, April 29, 2010
Heran ihr deutschen und schweizerischen Arbeiter! Laßt uns in der internationalen Genossenschaft die Freimaurer der Tat werden, und in rüstiger Arbeit Vorbereitungen treffen, dem Baue des aller Geister erhebenden und aller Herzen erquickenden Völkertempels zur Besiegelung des ewigen Bruderbundes granitfesten Schlußstein einzufügen, um endlich auf seiner Kuppelspitze das Erlösungszeichen der ganzen Menschheit aufzupflanzen.
J. P. Becker, “Was wir wollen und sollen”, in: Der Vorbote, 1866.
Refusal / ОТКАЗ
Tuesday, October 20, 2009
My talk on the concept of “refusal” (in the sense of Maurice Blanchot’s 1958 text “Le Refus”) at the wonderful 9th edition of the Dictionary of War, in Moscow, in August 2009. Don’t miss the other talks on the website.
Thanks to Oleg Nikiforov, Ksenia Golubovich and Alena Gromova from Logos Publishers (pdf) for making this conference happen.
Ramon Muggli: Meisterbud’ (2009)
Friday, October 16, 2009

Laß uns die neue Zeit beginnen
die Besten solln gewinnen
niemand hält uns jetzt noch auf.
Wahlkampfsong der SPD 1998
Am Sonntag, dem 27. September 1998, feierten einige hundert Menschen vor der SPD-Parteizentrale an der Bonner Ollenhauerstraße den Wahlsieg von Gerhard Schröder und das Ende der Ära Kohl. Man wollte damals nicht alles anders machen, aber vieles besser.
200 Meter die Straße rauf wurden am darauffolgenden Montag nach bewährter Methode, wiewohl auch hier mit dem sozialdemokratischen Versprechen stetiger Verbesserung, Autos zu Krankenwagen ausgebaut und dann rot lackiert. Oder gelb, denn Spezialfahrzeuge von C. MIESEN gingen von hier in die ganze Welt, und nicht in allen Regionen der Erde ist die Rettung rot.
Der Fabrik und ihren Arbeitern bekam denn auch eher schlecht, dass ihr die Neue Mitte der Republik so nah gerückt war. Seit 1901 waren auf diesem Grundstück Kutschen, Pritschen und schließlich Autos zu Krankenwagen geworden, doch 2004 gab C. MIESEN GmbH & Co. KG auf, jedenfalls das Gelände.
Neue Bewohner bezogen die alten Hallen: Obdachlose, Jugendliche. Aber auch die alten Ortsgeister blieben, nur verwandelt, befreit.
Der Bildhauer Ramon Muggli kennt sie alle, die alten wie die neuhinzugekommenen. Über zwei Jahre hin hat er das Nachleben der Fabrik analysiert, dokumentiert und schließlich beschlossen zu intervenieren.
Eine Anatomie des Miesen’schen Fabrikkörpers musste zunächst das Zentrum ausfindig machen, sein Organisationsprinzip, das Herz. Ramon Muggli fand es in der Meisterbud’. Fünf notdürftig abgetrennte Quadratmeter waren Hierarchie genug, um den Arbeitsprozess zu steuern, um zu loben und zu tadeln und zur Disziplin anzuhalten. Von hier aus überwachte der Meister, dass sich die Spritzpistolen seiner Arbeiter nur auf die Fahrzeuge richteten. Wie wir aus einem Gespräch mit ihm und Muggli erfahren, hat er es gehasst wenn es doch einmal anders kam. Aber das Monströswerden seiner Lackierwerkstatt ließ sich nur mit Disziplin verhindern, und als des Meisters Bude für immer leer stand, gingen die Hausgeister auf die Wände los.
Ramon Muggli hat mit gezielten Schnitten eine Transplantation vorgenommen. Deren Beitrag zur Analyse postfordischer Zeiten ist beachtlich, denn nun schlägt das leere Herz der Fabrikgesellschaft im neuen Campus der Bonner Alanus-Hochschule.
Ramon Muggli
Meisterbud’ 1 & 2 (2009)
Maße: Meisterbud’ 1: H 2,10 m, L 2,50 m, B 1,50 m
Meisterbud’ 2: H 2,55 m, L 3,45 m, B 2,30 m
Saluer la crise
Saturday, September 12, 2009
La critique Concevoir la critique de façon à ce que la politique soit sa poursuite par d’autres moyens. […]
La critique ne fait nullement apparaître des lois éternelles en constituant ses résultats principaux au-delà de l’espace et du temps (évènements historiques de la société), mais
Du fait généralement admis qu’il y a des crises (de la mathématique, de la médecine, du commerce extérieur conjugale etc.), on ne parvient pas de façon automatique à la conclusion de la grande crise totale dont ces crises ne seraient que les manifestations momentanées (spontanées et éphémères), apparemment indépendantes les unes des autres. Ce fait peut même empêcher une telle compréhension.
Notes de Bert Brecht au sujet de la revue Krise und Kritik qu’il espérait lancer ensemble avec Walter Benjamin pendant l’automne 1930. A ce moment décisif de l’histoire, de Krisis, en pleine crise économique et après les premiers grands succès électoraux des nazis, les deux critiques décident de travailler ensemble dans une revue qui aurait vocation à définir le rôle de l’intelligence dans la crise et de la préparer aux conflits à venir. Malheureusement, cette revue restera à l’état de projet. Facsimilé (Archives Bertolt Brecht, 332/49) tiré du livre Benjamin und Brecht, die Geschichte einer Freundschaft d’Erdmut Wizisla (Suhrkamp, 2004).
Séance du 21 novembre 1930
Présents : Ihering – Benjamin – Brecht.
Pour
le premier numéro,
Brecht propose un article plus « tape-à-l’œil », par exemple
« Saluer la crise »
Extrait du compte rendu d’une réunion de préparation pour Krise und Kritik. Facsimilé (Archives Walter Benjamin, TS 2475) tiré du livre Benjamin und Brecht, die Geschichte einer Freundschaft d’Erdmut Wizisla (Suhrkamp, 2004).
(Collage paru dans “L’Abécédaire de la crise”, Multitudes 37/38, 2009.)
Mais où va la presse ? Starr, Benkler, Massing
Wednesday, July 29, 2009
Kürzlich hatte ich Gelegenheit mich anlässlich einer Sondernummer des Courrier International zur Lage des Nachrichtenjournalismus (“Mais où va la presse ?“) durch die schwer überschaubare Menge an aktuellen Analysen zum Thema zu arbeiten. Rückblickend scheint mir ein guter weil problemöffnender Einstiegspunkt ein Text von Paul Starr aus The New Republic vom März. Starr macht gegenwärtig als Mitherausgeber des American Prospect vor allem in der amerikanischen Debatte zur Gesundheits- und Sozialreform von sich reden, er ist aber auch ein brillianter Historiker der Zeitungs-Ära (ich empfehle sein 2004 erschienenes Buch The Creation Of The Media, das bisher leider nicht übersetzt ist). Starr rekonstruiert die regionale Tageszeitung als den Ort an dem, finanziert durch lokale Anzeigen, ein investigativer Text veröffentlicht und seine “zufällige” Rezeption möglich wurde (etwa: Herr Kaschulke stolpert auf dem Weg zum Sportteil über eine Reportage zu Korruption in der Stadtverwaltung). Das gibt den Ton vor für seinen Artikel “Goodbye to the Age of Newspapers (Hello to a New Era of Corruption)”, der sich aus aktuellem Anlass mit den Effekten des Medienwandels (vulgo: Zeitungssterben) beschäftigt. Starr vertritt hier die These, dass der Verlust der alten Watchdogs (Korrespondenten, Parlamentsberichterstatter, Lokalredaktionen) durch die jungen Web-Initiativen nicht kompensiert werden kann und somit der Demokratie ein irreparabler Schaden droht.
* * *
Das sieht der Netzwerkspezialist und Internettheoretiker Yochai Benkler naturgemäß anders. Sein Antwortbrief auf Starr (“A New Era of Corruption?“) bringt die künftige Medienlandschaft auf fünf Punkte:
- Surviving elements of the old system, changed.
- Small-scale commercial media.
- New, volunteer-driven party presses.
- Newly effective nonprofits.
- Individuals in networks.
Nicht ein neues Leitmedium werde das alte ablösen, sondern ein Medienverbund mit zahlreichen Einzelakteuren, die durch “attention backbones” punktuell an größere Öffentlichkeiten angebunden werden können. Benklers Text ist, nebenbei bemerkt, auch eine Linkliste, mithin ein gutes Beispiel.
* * *
Etwas unerwartet wird dieser Faden in der letzten Ausgabe der New York Review of Books von Michael Massing aufgegriffen, der deutschen Lesern vor allem durch seine Texte in Lettre International bekannt ist. Unter dem Titel “The News About the Internet” hat er eine Tour durch die Blogosphäre unternommen und kehrt mit eher erfreulichen Ergebnissen zurück.
Doch auch Massing beginnt zunächst mit schlechten Zahlen. Rund 26.000 Stellen habe die amerikanische Presse in den letzten anderthalb Jahren verloren. Die Schwelle bis zu der in Redaktionen gekürzt werden konnte ohne an die Substanz der Berichterstattung zu rühren sei längst überschritten. Im Ergebnis, gibt Massing das Credo der Zeitungsindustrie wieder, liege damit die (für immaterielle Güter) paradoxe Situation vor, dass Qualitätsjournalismus immer rarer werde, obwohl die Nachfrage steige. Den bloggenden Aggregatoren und Kommentatoren gelinge es immer besser, die Arbeit der Massenmedien zusammenzufassen und auf sie aufzubauen, ohne jedoch etwas an den Urheber zurückzugeben (Nam tua res agitur…). Zum Verhältnis von Web und Print wird David Simon, der Autor und Produzent von The Wire, zitiert:
In short, the parasite is slowly killing the host.
Davon war in letzter Zeit oft die Rede, denn der Parasit hat schlechte Presse (zur Hülfe, Serres!). Doch Massing belässt es nicht dabei, und das macht die Stärke seines Textes aus. Stärker als in früheren Beiträgen verteidigt er inzwischen die Fähigkeit der neuen Journalismusformen, originäre Beiträge zum gesellschaftlichen Diskurs zu leisten:
The practice of journalism, far from being leeched by the Web, is being reinvented there, with a variety of fascinating experiments in the gathering, presentation, and delivery of news. And unless the editors and executives at our top papers begin to take note, they will hasten their own demise.
Nach einer, leider US-lastigen, Genealogie der unterschiedlichen Formen des Bloggens, von Mickey Kaus und Andrew Sullivan, über TPM und Pro publica, bis zu einigen local heroes für speziellere Teilöffentlichkeiten, kommt Massing auf einige Problem des Bloggens zu sprechen:
“The one nut we’ve never fully cracked is how to do long-form journalism online,” says Jacob Weisberg, the former editor of Slate. “Doing New Yorker -type pieces on-line doesn’t work.”
Das sind freilich keine unlösbaren Probleme: Slate-Autoren etwa bekommen offenbar sechs Wochen frei, um an größeren Projekten zu arbeiten. Youtube hat ein Training-Center eingerichtet, um seinen Handycam-Reportern das 1×1 der journalistischen Praxis nahezulegen, die Huffington Post richtet einen Fonds für investigative Reportagen ein, und so weiter. Massing ist überzeugt, dass wir an diesen Initiativen einen fundamentalen Wandel der Nachrichtenlandschaft ablesen können und zitiert, wie man das in solchen Fällen tut, das Pew Research Project for Excellence in Journalism. Im aktuellen Jahresbericht heisst es:
Power is shifting to the individual journalist and away, by degrees, from journalistic institutions…. Through search, e-mail, blogs, social media and more, consumers are gravitating to the work of individual writers and voices, and away somewhat from institutional brand. Journalists who have left legacy news organizations are attracting funding to create their own websites…. Experiments like GlobalPost are testing whether individual journalists can become independent contractors offering reporting to various sites, in much the way photographers have operated for years at magazines.
In gewisser Weise, möchte man anfügen, kehrt der Journalismus damit zu seinen Ursprüngen zurück. Und Massing liest es als Demokratisierung, doch nicht ohne die noch offene machtpolitische Masterfrage in einen Cliffhanger umzuwandeln:
Needless to say, traditional news organizations continue to play a critical part in keeping the public informed. But can they adapt to the rapidly changing news environment? And who is going to pay for quality news and information in the future? I hope to address both subjects in a subsequent piece.
Wir bleiben dran.
Barricades mystérieuses à Paris
Tuesday, July 28, 2009
Die unmögliche Gemeinschaft
Saturday, July 18, 2009
Liebe Freunde gescheiterter Zeitschriftenpläne, mein Buch zur Revue Internationale ist endlich lieferbar! Es kann zum Preis von 22.50 € im Buchladen Ihres Vertrauens bestellt werden oder bei allen Internetbuchhändlern (z.B. hier) oder, versandkostenfrei, beim Kadmos-Verlag selbst (der sich freut, wenn ihm Amazon nicht die Hälfte des Kuchens wegfuttert).
Bonne lecture!
Und darum geht es laut Verlag:
Die unmögliche Gemeinschaft
Maurice Blanchot, die Gruppe der rue Saint-Benoît und die Idee einer internationalen Zeitschrift um 1960
Cosmopolites de tous les pays, encore un effort. Jacques Derrida
Zwischen 1961 und 1963 versuchen sich zwanzig europäische Autoren, darunter Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnson und Elio Vittorini, an einer im wahrsten Sinne des Wortes unerhörten Zeitschrift: Von den Schriftstellern gemeinsam erstellt und verantwortet, mit inhaltsidentischen Ausgaben in mehreren Sprachen, soll das konsequent internationale Vorhaben den Beteiligten neue Möglichkeiten zur Intervention in den Lauf der Dinge schaffen. Auf dem Spiel steht, wenigstens für die französischen Initiatoren um Maurice Blanchot und Dionys Mascolo, nicht weniger als die Vorwegnahme einer kommenden Gemeinschaft im Medium einer politisch-literarischen Zeitschrift. Es blieb bei einem Plan, dessen Realisierung bis heute aussteht:
Das Scheitern unseres Projektes der internationalen Zeitschrift hat nicht bewiesen, dass es eine Utopie war. Was nicht gelingt, bleibt doch nötig. Maurice Blanchot
Roman Schmidt rekonstruiert die in Deutschland wenig bekannte Geschichte der namenlos gebliebenen Revue Internationale und geht dabei vor allem auf die Veränderungen im intellektuellen Feld Frankreichs in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ein. So entsteht nicht nur eine Studie zu einem der radikalsten publizistischen Konzepte des 20. Jahrhunderts, sondern en passant auch ein Portrait der Pariser nichtorthodoxen Linken zwischen Libération und Algerienkrieg.
Mit einem Vorwort von Frank Berberich, Lettre International
Kulturverlag Kadmos
176 Seiten, 15 x 23 cm, broschiert (Kaleidogramme Bd. 45)
ISBN: 978-3-86599-084-6




