Kürzlich hatte ich Gelegenheit mich anlässlich einer Sondernummer des Courrier International zur Lage des Nachrichtenjournalismus (“Mais où va la presse ?“) durch die schwer überschaubare Menge an aktuellen Analysen zum Thema zu arbeiten. Rückblickend scheint mir ein guter weil problemöffnender Einstiegspunkt ein Text von Paul Starr aus The New Republic vom März. Starr macht gegenwärtig als Mitherausgeber des American Prospect vor allem in der amerikanischen Debatte zur Gesundheits- und Sozialreform von sich reden, er ist aber auch ein brillianter Historiker der Zeitungs-Ära (ich empfehle sein 2004 erschienenes Buch The Creation Of The Media, das bisher leider nicht übersetzt ist). Starr rekonstruiert die regionale Tageszeitung als den Ort an dem, finanziert durch lokale Anzeigen, ein investigativer Text veröffentlicht und seine “zufällige” Rezeption möglich wurde (etwa: Herr Kaschulke stolpert auf dem Weg zum Sportteil über eine Reportage zu Korruption in der Stadtverwaltung). Das gibt den Ton vor für seinen Artikel “Goodbye to the Age of Newspapers (Hello to a New Era of Corruption)”, der sich aus aktuellem Anlass mit den Effekten des Medienwandels (vulgo: Zeitungssterben) beschäftigt. Starr vertritt hier die These, dass der Verlust der alten Watchdogs (Korrespondenten, Parlamentsberichterstatter, Lokalredaktionen) durch die jungen Web-Initiativen nicht kompensiert werden kann und somit der Demokratie ein irreparabler Schaden droht.
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Das sieht der Netzwerkspezialist und Internettheoretiker Yochai Benkler naturgemäß anders. Sein Antwortbrief auf Starr (“A New Era of Corruption?“) bringt die künftige Medienlandschaft auf fünf Punkte:
- Surviving elements of the old system, changed.
- Small-scale commercial media.
- New, volunteer-driven party presses.
- Newly effective nonprofits.
- Individuals in networks.
Nicht ein neues Leitmedium werde das alte ablösen, sondern ein Medienverbund mit zahlreichen Einzelakteuren, die durch “attention backbones” punktuell an größere Öffentlichkeiten angebunden werden können. Benklers Text ist, nebenbei bemerkt, auch eine Linkliste, mithin ein gutes Beispiel.
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Etwas unerwartet wird dieser Faden in der letzten Ausgabe der New York Review of Books von Michael Massing aufgegriffen, der deutschen Lesern vor allem durch seine Texte in Lettre International bekannt ist. Unter dem Titel “The News About the Internet” hat er eine Tour durch die Blogosphäre unternommen und kehrt mit eher erfreulichen Ergebnissen zurück.
Doch auch Massing beginnt zunächst mit schlechten Zahlen. Rund 26.000 Stellen habe die amerikanische Presse in den letzten anderthalb Jahren verloren. Die Schwelle bis zu der in Redaktionen gekürzt werden konnte ohne an die Substanz der Berichterstattung zu rühren sei längst überschritten. Im Ergebnis, gibt Massing das Credo der Zeitungsindustrie wieder, liege damit die (für immaterielle Güter) paradoxe Situation vor, dass Qualitätsjournalismus immer rarer werde, obwohl die Nachfrage steige. Den bloggenden Aggregatoren und Kommentatoren gelinge es immer besser, die Arbeit der Massenmedien zusammenzufassen und auf sie aufzubauen, ohne jedoch etwas an den Urheber zurückzugeben (Nam tua res agitur…). Zum Verhältnis von Web und Print wird David Simon, der Autor und Produzent von The Wire, zitiert:
In short, the parasite is slowly killing the host.
Davon war in letzter Zeit oft die Rede, denn der Parasit hat schlechte Presse (zur Hülfe, Serres!). Doch Massing belässt es nicht dabei, und das macht die Stärke seines Textes aus. Stärker als in früheren Beiträgen verteidigt er inzwischen die Fähigkeit der neuen Journalismusformen, originäre Beiträge zum gesellschaftlichen Diskurs zu leisten:
The practice of journalism, far from being leeched by the Web, is being reinvented there, with a variety of fascinating experiments in the gathering, presentation, and delivery of news. And unless the editors and executives at our top papers begin to take note, they will hasten their own demise.
Nach einer, leider US-lastigen, Genealogie der unterschiedlichen Formen des Bloggens, von Mickey Kaus und Andrew Sullivan, über TPM und Pro publica, bis zu einigen local heroes für speziellere Teilöffentlichkeiten, kommt Massing auf einige Problem des Bloggens zu sprechen:
“The one nut we’ve never fully cracked is how to do long-form journalism online,” says Jacob Weisberg, the former editor of Slate. “Doing New Yorker -type pieces on-line doesn’t work.”
Das sind freilich keine unlösbaren Probleme: Slate-Autoren etwa bekommen offenbar sechs Wochen frei, um an größeren Projekten zu arbeiten. Youtube hat ein Training-Center eingerichtet, um seinen Handycam-Reportern das 1×1 der journalistischen Praxis nahezulegen, die Huffington Post richtet einen Fonds für investigative Reportagen ein, und so weiter. Massing ist überzeugt, dass wir an diesen Initiativen einen fundamentalen Wandel der Nachrichtenlandschaft ablesen können und zitiert, wie man das in solchen Fällen tut, das Pew Research Project for Excellence in Journalism. Im aktuellen Jahresbericht heisst es:
Power is shifting to the individual journalist and away, by degrees, from journalistic institutions…. Through search, e-mail, blogs, social media and more, consumers are gravitating to the work of individual writers and voices, and away somewhat from institutional brand. Journalists who have left legacy news organizations are attracting funding to create their own websites…. Experiments like GlobalPost are testing whether individual journalists can become independent contractors offering reporting to various sites, in much the way photographers have operated for years at magazines.
In gewisser Weise, möchte man anfügen, kehrt der Journalismus damit zu seinen Ursprüngen zurück. Und Massing liest es als Demokratisierung, doch nicht ohne die noch offene machtpolitische Masterfrage in einen Cliffhanger umzuwandeln:
Needless to say, traditional news organizations continue to play a critical part in keeping the public informed. But can they adapt to the rapidly changing news environment? And who is going to pay for quality news and information in the future? I hope to address both subjects in a subsequent piece.
Wir bleiben dran.